Schon seit ich denken kann, war ich auf der Suche nach dem berühmten Sinn des Lebens, habe philosophische Bücher und psychologische Ratgeber verschlungen, habe mich für Buddhismus und andere Religionen interessiert, am liebsten Gespräche über solche Themen geführt und einige Jahre lang sogar die Bibel mit Begeisterung durchgeackert. Meine Reaktion auf die ganzen Einsichten, die ich so gesammelt habe, war mein Versuch, meine Umwelt mit aller Macht davon zu überzeugen, dass meine Weltsicht absoluten Sinn macht und die anderen mir gefälligst zustimmen sollten. Mein höchstes Ziel war es, Recht zu bekommen, weil alles, was ich tat, soviel Sinn ergab, sei es mein Vegetarismus, den ich drei Jahre lang praktizierte oder Gottes Wort aus der Bibel, was doch eigentlich jeden aufs Tiefste berühren müsste. Jedem, der es nicht hören wollte, habe ich vom Sinn des Lebens, von Gott oder der Psyche des Menschen erzählt. Was ich die ganze Zeit über nicht bemerkt hatte, war, dass ich dabei ziemlich alleine blieb. Ich war nur im Kopf und überhaupt nicht mit dem anderen in Beziehung. Jeder Einwand wurde mit einem meiner schlauen Gegenargumente übertrumpft, jede Frage belehrend beantwortet. Schließlich hatte ich Recht! Und das auch noch zu Recht, denn die Bücher bewiesen es. Und wenn die anderen das nicht einsehen wollten, dann sind sie eben selbst schuld! Und wenn sie mir aus dem Weg gegangen sind, habe ich mir halt das nächste Buch geschnappt…
„Entweder du hast Recht oder du bist in Beziehung.“ Diese Unterscheidung hat sich nachhaltig in meine Eingeweide gebohrt. Es ist wirklich ein Umdenken und wiederholte Übung erforderlich, damit ich tatsächlich mit dem Gesprächspartner in Beziehung bleibe ohne zu versuchen, Recht zu haben. Meine Zunge ist so schnell dabei, sich das erstbeste Stichwort zu schnappen und das Gespräch in meine geliebte Richtung zu lenken, damit der andere wieder mal etwas von mir lernen kann. Denn es ist so ein absolut geiles Gefühl, Recht zu haben. Ich sonne mich dabei förmlich in meinem eigenen Applaus.
Da der schale Nachgeschmack des Rechthabens aber auch nicht spurlos an mir vorübergegangen ist, übe ich mich nun seit Jahren darin, beim Anderen zu bleiben, mich zu entspannen und urteilsfrei zuzuhören. Und es ist nicht so, dass ich es jetzt „kann“. Es ist ständige Wachheit und Übung dafür erforderlich. Es ist nicht so, dass es mir jetzt in den Schoß fällt. Aber ich nehme mehr und mehr wahr, von welchem Reichtum ich mich durch meine Rechthaberei abgeschnitten habe. Wenn ich es schaffe, den anderen so wahrzunehmen, wie er ist, ohne meine eigenen Geschichten über ihn, ohne meine Meinungen zu dem, was er sagt, ohne meinen ach so großen eigenen Erfahrungsschatz, dann macht sich erst ganz klein und dann immer größer werdend, eine Entspannung im anderen bemerkbar. Seine eigenen Ideen fangen an, ihn zu überraschen, seine Augen beginnen zu leuchten, er beginnt zu strahlen und ich sehe einen wunderschönen und vollkommenen Menschen vor mir. Und das macht es mir wiederum leicht, in diese Richtung weiterzugehen.
Wenn es heute in meiner Partnerschaft zu Missverständnissen oder Differenzen kommt (und die haben immer mit Rechthaben zu tun), setze ich mich mit meinem Partner noch am selben Tag hin und wir hören uns gegenseitig zu. Praktisch sieht das so aus, dass wir uns nacheinander gegenseitig unseren Standpunkt darlegen. Also, z.B. fängt er an zu reden und ich höre ihm zu (ohne ihn zu unterbrechen!). Manchmal dauert es zehn Minuten, manchmal eine Dreiviertelstunde. Anschließend hört er meiner Version zu. Durch dieses überaus aufmerksame Zuhören kann ich regelrecht fühlen, was in meinem Partner vorgeht und verstehen, warum er so reagiert hat oder diese Meinung hat – und umgekehrt. Nachdem wir uns gegenseitig auf diese Art zugehört haben, hat sich die Angelegenheit in Wohlgefallen aufgelöst, ohne dass wir nun groß ein Problem „lösen“ müssten. Es ist bereits gelöst, weil jeder gehört wurde.
Mit der Zeit habe ich gelernt, dass das Gehörtwerden und beim Anderen bleiben pure Nahrung für die Beziehung ist. Wenn wir uns nicht auf diese Art zuhören würden, würde sich bei mir ganz schnell Groll aufbauen und das wiederum würde sich sehr schnell belastend auf unsere innige Vertrautheit miteinander auswirken.
So zu leben könnte glatt der Sinn des Lebens sein.
Marions Blog
Mittwoch, 15. September 2010
Recht haben oder in Beziehung sein?
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Dienstag, 24. August 2010
Die Lücken schließen
Es gibt da diese Lücke zwischen dem, was wir eigentlich gerne tun wollen und dem, was wir tatsächlich tun. Es gibt eine weitere Lücke zwischen der Person, die wir zu sein glauben und der Person, die die Welt in uns wahrnimmt. Und schließlich ist da noch die Lücke zwischen den Teilen in uns, die wir akzeptieren und den Teilen in uns, die wir nicht akzeptieren.
Je kleiner die Lücken sind, desto authentischer sind wir. Natürlich müssen wir nicht authentisch sein. Es könnte jedoch hilfreich sein bei dem Versuch, unsere Zeit nach unseren eigenen Vorstellungen zu nutzen und nicht nach denen der anderen.
Warum tun wir oftmals nicht das, was wir eigentlich tun wollen, sondern erfinden stattdessen allerlei Ausreden, Erklärungen und Rechtfertigungen für unsere uns selbst auferlegten Fesseln? Warum versuchen wir uns mit einer Maske vor der Beurteilung der anderen zu schützen? Warum sind wir so versessen darauf, alles in das Schema gut oder schlecht zu pressen? Warum geben wir dem, was von außen an uns herangetragen wird, soviel mehr Bedeutung als dem, was wir selbst in unserem Inneren spüren? Warum machen wir nicht einfach Experimente und probieren das aus, wonach uns ist? Die Ergebnisse werden schon zeigen, ob es funktioniert hat oder nicht. Und dann könnten wir weiter probieren. Bis wir aus Erfahrung wissen, wie die Welt funktioniert und nicht mehr darauf angewiesen sind, bruchstückhafte Glaubenssätze darüber von der Schule oder den Medien zu übernehmen.
Je kleiner die Lücken sind, desto authentischer sind wir. Natürlich müssen wir nicht authentisch sein. Es könnte jedoch hilfreich sein bei dem Versuch, unsere Zeit nach unseren eigenen Vorstellungen zu nutzen und nicht nach denen der anderen.
Warum tun wir oftmals nicht das, was wir eigentlich tun wollen, sondern erfinden stattdessen allerlei Ausreden, Erklärungen und Rechtfertigungen für unsere uns selbst auferlegten Fesseln? Warum versuchen wir uns mit einer Maske vor der Beurteilung der anderen zu schützen? Warum sind wir so versessen darauf, alles in das Schema gut oder schlecht zu pressen? Warum geben wir dem, was von außen an uns herangetragen wird, soviel mehr Bedeutung als dem, was wir selbst in unserem Inneren spüren? Warum machen wir nicht einfach Experimente und probieren das aus, wonach uns ist? Die Ergebnisse werden schon zeigen, ob es funktioniert hat oder nicht. Und dann könnten wir weiter probieren. Bis wir aus Erfahrung wissen, wie die Welt funktioniert und nicht mehr darauf angewiesen sind, bruchstückhafte Glaubenssätze darüber von der Schule oder den Medien zu übernehmen.
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Mittwoch, 4. August 2010
Mein Sohn
Mein Sohn,
bitte versuche nicht, mir zu gefallen. Ich liebe dich vorher schon. Ich liebe dich so wie du bist. Ob du in der Schule gute Noten oder schlechte Noten hast, macht für meine Liebe zu dir nicht den geringsten Unterschied. Überhaupt würde nichts, was du tust, meine Bewunderung für dich, meine Liebe zu dir und meinen Stolz auf dich verändern. Was ich für dich empfinde, ist bereits da und wird immer da sein. Auch wenn es mir nicht immer so gut gelingt, das zu zeigen, und meine Liebe nicht immer so rüberkommt, wie ich sie in meinem Herzen für dich empfinde, so kannst du darauf zählen, dass ich für dich da sein werde, wenn du mich brauchst.
Ich freue mich an dir und danke Gott, dass es dich gibt.
Deine Mama
bitte versuche nicht, mir zu gefallen. Ich liebe dich vorher schon. Ich liebe dich so wie du bist. Ob du in der Schule gute Noten oder schlechte Noten hast, macht für meine Liebe zu dir nicht den geringsten Unterschied. Überhaupt würde nichts, was du tust, meine Bewunderung für dich, meine Liebe zu dir und meinen Stolz auf dich verändern. Was ich für dich empfinde, ist bereits da und wird immer da sein. Auch wenn es mir nicht immer so gut gelingt, das zu zeigen, und meine Liebe nicht immer so rüberkommt, wie ich sie in meinem Herzen für dich empfinde, so kannst du darauf zählen, dass ich für dich da sein werde, wenn du mich brauchst.
Ich freue mich an dir und danke Gott, dass es dich gibt.
Deine Mama
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